Retail-Werkbank für die Zertifikateproduktion
In der Automobilindustrie dürfte sie neben der Erfindung des Fließbands zu der größten produktionstechnischen Errungenschaft zählen: die Plattformbauweise, die heutzutage längst Branchenstandard ist. Anders in der Bankenwelt: Hier stellt die Produktion einer großen Stückzahl an individualisierbaren Anlageprodukten, wie Zertifikaten und Anleihen, bei effizientem Ressourceneinsatz noch immer die Ausnahme dar. Doch gerade eine industrielle Fertigung schafft im Wettbewerb enorme Vorteile: größeren Output, hohe Qualität und Reduktion der Fehleranfälligkeit. | Branislav Sincic
Die DZ Bank gehört zu den führenden Emittenten von Zertifikaten, Anleihen und Hebelprodukten. Ihr Kerngeschäft rund um Kapitalschutzzertifikate erweiterte sie im Jahr 2007 um Hebelprodukte. Gerade an der Spitze ist bekannterweise der Wettbewerb am stärksten. Um im Zertifikatemarkt mit über 30 Anbietern bestehen zu können, ist eine effiziente und kostengünstige Produkterstellung notwendig. Insbesondere vor dem Hintergrund, dass täglich oft mehr als 5.000 Produkte am Markt emittiert werden. Damit die Bank gerade bei den so genannten Flowprodukten, also Sekundärmarktemissionen wie Bonus- und Discountzertifikaten sowie Hebelprodukten, mit den hohen Emissionsvolumina im Markt mithalten konnte, hat sich das Institut entschieden, eine neue Produktionstechnik einzuführen. In den Produktionsprozess eines einzelnen Zertifikats sind zahlreiche Akteure involviert.
Höherer Output und gestiegene Qualität: die Retail-Werkbank
Am Anfang steht zunächst die Produktidee, die aktuelle Marktanforderungen sowie Kundenwünsche berücksichtigt und vom Produktmanagement oder den Vertriebsmitarbeitern an den Emittenten herangetragen werden. Für die Produktidee berechnen die Mitarbeiter, die für die Produktstrukturierung verantwortlich sind, auf Basis finanzmathematischer Modelle mögliche Ausgestaltungen und Konditionen für das künftige Produkt.
Bis zur Festlegung der endgültigen Produktstruktur (wie Laufzeit, Basiswert, Barrieren und Rückzahlungsbedingungen) sind zahlreiche Abteilungen wie Handel, Sales, Listing, Produktentwicklung sowie das Produktmanagement involviert. Zusätzlich müssen für jede Neuemission die rechtlich bindenden Kenndaten des jeweiligen Produkts dokumentiert und veröffentlicht werden sowie an die Bundesanstalt für Finanzdienstleistungsaufsicht (BaFin) und an die „Wertpapiermitteilung“ weitergeleitet werden. Bis zur Emission eines Produkts sind also diverse interne und externe Abstimmungsprozesse erforderlich. Je größer die Anzahl der Akteure und Systeme, desto fehleranfälliger und aufwändiger ist ein solcher Prozess.
Gleichzeitig fordern die Kunden aber Produkte, die auf Basis aktuellster Kurse emittiert worden sind. Je schneller also die Emittenten liefern und je kürzer die Zeitspanne von der Produktidee bis zur Emission (Time-to-Market) dauert, desto besser ist dies für den Emittenten und seine Kunden. Zudem lassen sich auf diese Weise in erheblichem Umfang Kosten senken.
Um diese Herausforderungen zu meistern, hat die DZ Bank eine eigene Softwarelösung entwickeln lassen, die den Prozess der Produktentwicklung systematisiert und einer industriellen Produktionsart ähnlich ist. Die so genannte
Retail-Werkbank ist heute das Herzstück der Zertifikateherstellung bei dem genossenschaftlichen Institut.
In der Retail-Werkbank sind Musterprodukte als Templates hinterlegt. Wie die Plattformen im Autobau legt dabei jedes Template die grundsätzlichen Funktionsweisen des Produkts fest. Bei den Autos sind das zum Beispiel der Antrieb, das Fahrgestell und gleiche Fixationspunkte, damit andere Teile wie Getriebe und Motor sich ändern lassen. Bei den Zertifikaten definiert das Template die Struktur eines Zertifikatetypus, beispielsweise die eines Bonuszertifikats mit Barriere und gegebenenfalls mit Cap. Es enthält alle produkttyp-spezifischen Bestandteile; die Anzahl und Wertausprägungen sind als variable Bausteine definiert (zum Beispiel durch die Anzahl der Bewertungstage und deren jeweiliges Datum).
Die Erstellung eines Musterprodukts bietet diverse Vorteile: Es ist die konsequente Auslagerung wiederholbarer Teile und Regeln aus der Emission in das Prototyping und erzielt somit einen erheblichen Effizienzgewinn und Prozesssicherheit bei allen Emissionsprozessen. Bevor ein Musterprodukt für die Verwendung durch neue Emissionen freigegeben wird, haben Experten aus Produktentwicklung, Listing, Handel und Produktmanagement dieses Musterprodukt ihrer Qualitätssicherung unterzogen und die Lieferfähigkeit sichergestellt. In einem schematischen Überblick (GRAFIK 1) ist die Einbindung der genannten Fachbereiche sowie ein Auszug angebundener externer wie interner Systeme nachvollziehbar.
Prozesssicherheit durch Workflowsystem
Der Entstehungsprozess der Musterprodukte wird durch das integrierte Workflowsystem unterstützt. Dadurch wird gewährleistet, dass die Templates effizient und in hoher Qualität erstellt werden. Änderungen am Musterprodukt werden transparent und nachvollziehbar allen Beteiligten offengelegt. Dadurch lassen sich aufwändige Schleifen und Abstimmungsrunden vermeiden. Eine weitere wichtige Funktion in der Musterprodukterstellung ist die Möglichkeit, auf Attribute flexibel Prüfungsregeln hinterlegen zu können, um bei der später darauf basierenden Emission zu verhindern, dass unerwünschte Werte eingegeben und sogar Abhängigkeitsregeln verletzt werden. Beispielsweise lässt sich im System definieren, dass der Bewertungstag mindestens drei Handelstage vor dem Rückzahlungstermin zu liegen hat.
Neue Zertifikatevarianten können durch ein vorhandenes Template schnell und kostengünstig produziert werden. Gleichzeitig bleibt eine hohe Flexibilität gewährleistet, da durch die dynamische Musterproduktgestaltung alle möglichen Produkte im System abgebildet werden können – mit dem Unterschied, dass kein Rückgriff auf manuelle Teilprozesse mehr notwendig ist. Gleichzeitig verfügen alle Prozessbeteiligten immer über die jeweils aktuellste Information zum Produkt.
Ein großer Vorteil der Retail-Werkbank ist, dass vielfältige Kontrollschnittstellen eingebaut sind, die Fehlerquellen bereits in einem sehr frühen Produktentwicklungsstadium eliminieren. Neben den bereits erwähnten Prüfungsmechanismen durch Mehraugenprinzip in allen Phasen des Emissionsprozesses sind auch umfangreiche Plausibilitätsmechanismen vorhanden. So gibt es beispielsweise eine Datumsprüfung, die alle Datumsangaben in Abhängigkeit des zugrunde liegenden Basiswerts auf Börsentage prüft und gegebenenfalls auf Probleme in der Ausgestaltung hinweist. Außerdem wird die Anzahl möglicher Rückzahlungstermine bei Zinsprodukten mit den in den Musterprodukten definierten Bereichen abgeglichen.
Aber auch über die eigentliche Phase der Produktentwicklung hinaus bietet die Retail-Werkbank Vorteile, indem im weiteren Verlauf des Produktlebenszyklus ergänzende Informationen im System dokumentiert werden. So werden beispielsweise die Zeichnungsstände für die jeweils angelegte Emission in die Retail-Werkbank übernommen und Zusagen zu Private-Label-Emissionen von den genossenschaftlichen Banken erfasst. Auf dieser Basis können entsprechende Verträge erstellt werden.
Darüber hinaus erlaubt die gewählte Technologie eine bedarfsgerechte Evolution: So lassen sich die Daten- und Benutzermengen sowie die Anbindungen an weitere Systeme innerhalb und außerhalb der DZ Bank steigern und um Module für eine höhere Prozessautomation ergänzen. So wird aktuell die Nutzung der vollautomatischen Veröffentlichung auch für die komplexeren Anlagezertifikate realisiert.
Standardprodukte – quasi auf Knopfdruck
Für das standardisierte Produktumfeld der Flowprodukte findet ein verkürzter Erstellungsprozess statt. Die Produktion ist deutlich stärker automatisiert: Die Mitarbeiter des Produktmanagements erfassen direkt in der Retail-Werkbank die relevanten Produktmerkmale wie Angaben zur Zeichnungsfrist, Laufzeit und Barrieren. Auf diese Weise entsteht auf Basis des gewählten Musterprodukts automatisch die Zertifikate-Neuemission inklusive aller notwendigen Dokumente für die Veröffentlichung (darunter der Basisprospekt, Termsheet und Börsenanträge). Bei dem Termsheet handelt es sich um ein Dokument mit der Zusammenfassung der rechtlich bindenden Produktdaten.
Die am Herstellungsprozess beteiligten Mitarbeiter müssen zuletzt nur noch die Informationen anhand des Termsheets prüfen und die Emission freigeben. Die automatisch generierten Dokumente werden dann an die jeweiligen Empfänger verschickt. Das Termsheet wird beispielsweise direkt aus der Retail-Werkbank heraus an externe Informationssysteme wie WM-Daten, Reuters und VWD versandt.
Auch kurzfristige Änderungen an den Daten von sich bereits in der Veröffentlichung befindlichen Produkten können somit problemlos berücksichtigt werden. Durch diesen Veröffentlichungsprozess wird auch gewährleistet, dass die für Anleger wichtigen Informationsplattformen im Internet immer mit den aktuellen Produktdaten versorgt sind.
Zahl der Emissionen verdoppelt
Für den gesamten Prozess der Produktentwicklung und auch darüber hinaus bedeutet die Retail-Werkbank einen erheblichen Gewinn an Entwicklungsgeschwindigkeit und Qualität. Durch die Industrialisierung des Prozesses konnte nicht nur die Zeit bis zur Einführung eines Produkts am Markt wesentlich verkürzt werden. Aufwändige Abstimmungsprozesse per E-Mail, per Telefon oder auf persönlicher Ebene gehören ebenfalls der Vergangenheit an. Denn durch die Sammlung der Emissionsdaten in der zentralen Datenbank liegen allen Beteiligten stets die aktuellsten Informationen vor. Einher geht dies mit der Tatsache, dass sich die Mitarbeiter nun wieder verstärkt auf die entscheidenden Gestaltungs- und Steuerungsprozesse konzentrieren können - weil der operativ aufwändige Emissionsprozess stark automatisiert werden konnte. Zudem trägt die Retail-Werkbank dazu bei, Kosten zu senken – ein Aspekt, der vor dem Hintergrund des deutlichen Anstiegs an Emissionen besonders relevant ist.
Noch entscheidender für die DZ Bank ist, dass die Zahl der Zertifikate-Emissionen 2010 um rund 50 % gegenüber dem Vorjahr gesteigert werden konnte. Ein Vorteil, denn Zertifikate-Emittenten müssen immer kurzfristiger auf Marktanforderungen reagieren – ohne dass die Qualität der Produkte darunter leidet. Damit unterstützt das System die Wettbewerbsfähigkeit der DZ Bank und soll die Position als eines der führenden Emissionshäuser am deutschen Markt langfristig sicherstellen.

