Ertragsanalyse
Das Privatkundensegment des deutschen Bankgewerbes gilt gemeinhin als stabiles Geschäftsfeld. Doch im Zuge von Finanzmarktkrise und Rezession droht diese Sparte in die Verlustzone zu geraten. So das Ergebnis einer Analyse auf Basis der aggregierten Zahlen für das gesamte deutsche Kreditgewerbe. Obwohl es ein starkes Gefälle in der Ertragskraft der konkurrierenden Institute gibt, ist der Befund für die Gesamtbranche negativ. | Kai-Christian Claus, Steven Jacob
Das den folgenden Berechnungen zugrunde liegende Marktmodell für das Privatkundengeschäft umfasst das klassische Retail Banking sowie das Private Banking. Anteilige Strukturbeiträge dieser Segmente aus Handel und Treasury sind ebenfalls berücksichtigt. Die Analyse bezieht sich auf das gesamte Privatkundensegment in Deutschland, ohne Bezug auf einzelne Institute zu nehmen.
Im Sog des Wirtschaftsabschwungs
Während für das gesamte BIP nach einem Rückgang um ca. 6 % in 2009 für 2010 eine Erholung prognostiziert wird, verhält sich der private Konsum reziprok zu diesem Trend: Die Rezession steht hier erst am Anfang. Dafür spricht insbesondere das Phänomen, dass die Zahl der Privatinsolvenzen erfahrungsgemäß etwa 18 Monate nach dem Beginn einer Rezession ihren Höhepunkt erreicht. Eine deutliche Verschlechterung der Beschäftigungssituation und des verfügbaren Haushaltseinkommens steht daher bevor. Dies wird untermauert durch aktuelle Prognosen der Wirtschaftsinstitute, die einen Höhepunkt der Arbeitslosigkeit für Ende 2010/Anfang 2011 prognostizieren.
Der konjunkturelle Abschwung trifft das deutsche Bankgewerbe in einer ohnehin schwierigen Phase. Zwar konnte zwischen 2005 und 2007 bei nur geringem Wachstum des Personal- und Sachaufwands ein leichter Anstieg der Zins- und Provisionsüberschüsse um fast 3 % bzw. 8 % p.a. verzeichnet werden. Jedoch ist das Finanzergebnis über das gesamte Segment weggefallen und das Bewertungsergebnis hat sich überproportional stark verschlechtert. Die Cost Income Ratio vor dem Bewertungsergebnis ist dadurch von 61,5 % auf 65 % gestiegen und die Eigenkapital-Rendite von 11 % auf 5,5 % gefallen. Damit ist Deutschland europäisches Schlusslicht.
Auf dem Weg in die Verlustzone
Aus dem der Analyse zugrunde liegenden Marktmodell ergeben sich für das deutsche Privatkundengeschäft im Jahr 2007 Zinsüberschüsse von ca. 36 Mrd € (62 % der Erlöse) und Provisionsüberschüsse von 22 Mrd € (38 % der Erlöse). Unter Berücksichtigung von Personal- und Sachkosten in Höhe von 43 Mrd € ergibt sich eine Cost Income Ratio von 74 %. Nach Abzug eines negativen Bewertungsergebnisses von ca. 6 Mrd € verblieb im Jahr 2007 ein Vorsteuerergebnis von ca. 9 Mrd €. Zu diesem Zeitpunkt waren jedoch allenfalls sehr geringe Auswirkungen der Wirtschaftskrise auf das Ergebnis im Privatkundensegment spürbar.
Zwar liegen die konsolidierten Branchenzahlen der Bundesbank für 2008 erst im Laufe des Septembers vor, aus den bislang veröffentlichten Ergebnissen des Sparkassen- und Genossenschaftssektors sowie der Privatbanken ist jedoch im Trend ein Rückgang des Provisionsüberschusses bei geringem Anstieg des Zinsüberschusses zu erkennen. Bei leicht sinkenden Kosten führt der erneute starke Anstieg des Bewertungsergebnisses per Saldo zu einer deutlichen Verschlechterung der Jahresüberschüsse vor Steuern. Beispielsweise ist der Jahresüberschuss vor Steuern für die Sparkassen-Finanzgruppe um 24 % auf 2,5 Mrd €, den genossenschaftlichen Sektor um 47 % auf 1,9 Mrd € und die Deutsche Bank um 161 % auf -4 Mrd € gefallen.
Die folgenden Analysen zeigen, dass in der Rezession die strukturellen Probleme der hohen Kosten und der fehlenden Konsolidierung deutlich zu Tage treten werden. Insbesondere das Privatkundensegment mit 75 Mio privaten Girokonten, 400.000 Mitarbeitern und 37.000 Filialen wird deutlich in die Verlustzone geraten.
Der Zinsüberschuss wird deutlich abnehmen
Die Entwicklung des Zinsüberschusses ist geprägt von einer Vielzahl an Einflüssen, die sich bankspezifisch jedoch sehr stark unterscheiden. Der Strukturbeitrag leidet aktuell vor allem unter einem starken Anstieg der Refinanzierungskosten, da der besicherte und insbesondere der unbesicherte Interbankenmarkt nur eingeschränkt oder teilweise überhaupt nicht funktioniert. Beispielsweise ist der Spread von Banken mit einem AA-Rating von 30 Basispunkten im Juli 2007 auf über 200 Basispunkte im Juni 2009 angestiegen. Der Höchststand von über 400 Basispunkten im 1. Quartal 2009 ist damit immerhin überwunden.
Da der Anteil der Refinanzierung durch die Einlagen in Deutschland durchschnittlich nur zwischen 35 % und 40 % der Bilanzsumme ausmacht (bei reinen Privatkundenbanken liegt der Anteil bei bis zu 90 %), können diese Kostensteigerungen nicht gänzlich kompensiert werden. In Kombination mit einem strikteren Risikocontrolling, das eine fristengerechte und langfristige Refinanzierung erfordert, werden diese Effekte insgesamt zu einer Absenkung der Strukturbeitrags von über 2 Mrd € führen.
Gleichzeitig fehlt ein Wachstum des Marktvolumens bei einem Zinsniveau, das sich aktuell auf historischem Tiefstand befindet. Dies führt zu einer Fortsetzung des Verdrängungswettbewerbs bei geringen Margen und wird den Konditionsbeitrag voraussichtlich um knapp 1 Mrd € mindern. Aktuelle Initiativen zur Etablierung eines risikogerechteren Pricing am Markt können die negativen Effekte in den Beständen nicht substituieren.
Sinkender Provisionsüberschuss und zunehmende Kostenbelastung
Einer der Haupttreiber für den Rückgang ist eine starke Nachfrageverschiebung von provisionsstarken zu sicheren, transparenten und gleichzeitig provisionsschwachen Produkten. Beispielsweise hat sich das Handelsvolumen für Zertifikate im letzten Jahr fast halbiert. Gleichzeitig ist ein wachsendes Interesse an Spareinlagen und Sparbriefen zu beobachten. Zusätzlich haben sich durch die weltweit fallenden Wertpapierkurse die Assets under Management erheblich verringert, was zu einem weiteren Absinken der Provisionseinnahmen führt. Und nicht zuletzt reduzieren staatliche Eingriffe die Erlöse aus steueroptimierten Produkten und Mandaten.
Durch Nachwirkungen der Tarifabschlüsse werden die Gehälter weiter steigen. Beispiele sind der Anstieg im öffentlichen Dienst (TVöD) um 2,8 % zuzüglich einer Einmalzahlung von 225 € im Januar 2009 sowie im genossenschaftlichen Sektor von 3 % im September 2008 und nochmals 2 % im November 2009.
Gleichzeitig wird die Zahl der Beschäftigten im Privatkundensegment lediglich geringfügig sinken. Insbesondere die kritischen Mindestgrößen in den Filialen sowie erhöhte Beratungs- und Qualifikationsanforderungen in der „Vertrauenskrise“ lassen die Privatkundenvorstände bei der Reduktion des Personalbestandes sehr zurückhaltend agieren.
Durch indexierte Mietverträge mit Preissteigerungsraten von fast 3 %, gegebenenfalls hohen Einmal- und Rückbaukosten bei der Aufgabe von Standorten und dem verfallenden Markt für Gewerbeimmobilien besteht aktuell kaum Spielraum für kurzfristige Kostensenkungen bei Mieten und Gebäuden. Gleiches gilt für IT- und Serviceverträge, die überwiegend mit Mindestabnahmemengen und langer Laufzeit abgeschlossen wurden.
Bewertungsergebnis deutlich negativ
Die Zunahme der Erwerbslosigkeit wird zu einem Anstieg von Privatinsolvenzen, Kreditausfällen und Umschuldungsfällen führen. In Kombination mit weiterem Wertberichtigungsbedarf bei Wertpapieren bewirkt dies eine deutliche Verschlechterung des Bewertungsergebnisses. Aufgrund der Stärke der Rezession und deren direktem Zusammenhang mit der Zahlungsfähigkeit der Verbraucher ist für den Zeitraum von 2007 bis 2010 mit einer Verschlechterung des Bewertungsergebnisses von -6 Mrd € auf ca. -12 Mrd € zu rechnen.
Die dargestellten Effekte führen kumuliert zu einer hohen Belastung für das deutsche Privatkundensegment. Insgesamt ist mit einem Rückgang der Erlöse um 4 Mrd €, einem weiteren Anstieg der Kosten um 1 Mrd € sowie einem um 6 Mrd € schlechteren Bewertungsergebnis zu rechnen, was das gesamte deutsche Privatkundensegment mit ca. 2 Mrd € in die Verlustzone führt.
Restrukturierungsdruck im Privatkundensegment
Die aufgezeigten Entwicklungen werden bei den Banken Anpassungs- und Restrukturierungsmaßnahmen erfordern, die neben einer besseren Potenzialausschöpfung insbesondere die deutliche Senkung der Kosten zum Ziel haben werden.
Die Ansatzpunkte für weitere Produktivitätssteigerung und Industrialisierung im Privatkundengeschäft sind vielfältig. Außerdem ist Deutschland weiterhin overbanked - hier bergen strukturelle Veränderungen große Einsparpotenziale, die jedoch erst auf mittlere bis lange Sicht realisiert werden können.
Kurz- und mittelfristige Optionen auf der Personalseite sind Einstellungsstopps, das Einfrieren der Gehälter, die Erhöhung der Wochenarbeitszeit sowie der Abbau freiwilliger Leistungen und variabler Entgelte, die auf der Kostenseite Entlastungen von rund 2,5 Mrd € bringen können - gegebenenfalls mit befristetem Charakter. Da das deutsche Betriebsverfassungsgesetz hohe Anforderungen an eine flächendeckende Personalanpassung stellt, werden vermehrt die deutlich einfacher umsetzbaren Betriebs- und Teilbetriebsschließungen zu beobachten sein.
Darüber hinaus können mittelfristig weitere Produktivitätssteigerungen zu Kostensenkungen in Höhe von 2 Mrd € führen. Erfolgsfaktoren dafür sind die Automatisierung und Standardisierung des Massengeschäfts ohne Kundenschnittstelle („Produktion“) sowie die noch weiter gehende Spezialisierung und Bündelung von Kompetenzen in regionalen oder nationalen Kompetenzzentren.
Schließlich birgt die strukturelle Weiterentwicklung des Segments zusätzliche Möglichkeiten zur Kostensenkung: Durch eine Konsolidierung der Filialnetze sowie eine Optimierung der Beschäftigtenzahl pro Filiale können die fixen Kosten insgesamt reduziert und die Standortproduktivitäten deutlich gesteigert werden. Eine Vorreiterrolle übernimmt hier der wesentlich reifere britische Bankenmarkt, in dem eine Bankfiliale durchschnittlich für fast dreimal mehr Einwohner zuständig ist als das in Deutschland der Fall ist.
Auch wenn Großbritannien nur bedingt als Benchmark für das deutsche Drei-Säulen-Modell dient, gibt es hierzulande doch Hinweise auf bestehende Redundanzen und teilweise auch auf die Unterschreitung betriebswirtschaftlich sinnvoller Betriebsgrößen in vielen heimischen Filialen. Strukturelle Veränderungen bergen auf Sicht von drei Jahren ein Kostensenkungspotenzial von ca. 2,5 Mrd € p.a.
Einige Institute werden es nicht schaffen, ihr Privatkundengeschäft ohne Verlust durch die Rezession zu bringen. Um gestärkt aus der aktuellen Krise hervorzugehen und Wettbewerbsvorteile auszubauen, werden diese Institute umfangreiche Maßnahmen sowohl auf der Kosten- als auch der Ertragsseite ergreifen müssen.

