Auf der Jagd nach frischem Eigenkapital
Japans Banken haben die weltweite Finanzkrise bisher gut überstanden. Viele konnten durch mutige Investitionen ihre internationale Position sogar stärken. Doch nun bremst die drohende Verschärfung internationaler Eigenkapitalrichtlinien Nippons Geldhäuser. Trotz rekordverdächtig hoher Aktienemissionen haben sie ihren Hunger auf frisches Kapital noch nicht stillen können. | Birga Teske
Als 2007 erste Berichte über einen Einbruch am US-Immobilienmarkt die Runde machten und die riskanten Kreditgeschäfte der dortigen Banken ans Licht kamen, war die Reaktion in Tokio gespalten. In die Sorge über das Platzen der Investitionsblase mischte sich auch Schadenfreude: Endlich hatten die erfolgsverwöhnten Wettbewerber aus den USA einmal einen kardinalen Fehler begangen. Und die lange Zeit für ihre Risikoscheu kritisierte japanische Finanzbranche saß, so schien es, am längeren Hebel.
Auf Einkaufstour
Während jenseits des Pazifiks die Geldmärkte zu kollabieren drohten und manche Großbank nur durch staatliche Rettungsaktionen ihr Überleben sichern konnte, wirkte Japan beinahe wie ein sicherer Hafen. Kein einziges der führenden Bankhäuser benötigte öffentliche Finanzspritzen. Die Institute liehen einander ohne größere Einschränkungen Geld. Statt Katerstimmung herrschte in Tokio eher Sektlaune. Denn die Banken des Inselstaates wurden binnen kürzester Zeit zu international gefragten Kreditgebern.
Adressen wie Barclays, Merrill Lynch, Morgan Stanley und Citigroup standen um Eigenkapital Schlange. Denn Liquidität war im fernen Osten noch reichlich vorhanden. Und Japans Großfinanz ergriff ihre Chance. Die Mitsubishi UFJ Financial Group sicherte sich für 9 Mrd US-$ einen Stimmrechtsanteil von 21 % an Morgan Stanley. Die Mizuho Financial Group beteiligte sich mit 1,2 Mrd US-$ an Merrill Lynch. Die Sumitomo Mitsui Financial Group investierte 500 Mio GBP in Barclays und übernahm den Großteil von Citigroups Japan-Geschäft. Den größten Griff machte das Brokerhaus Nomura Holdings. Nomura erwarb für kleines Geld das Europa- und Asiengeschäft von Lehman Brothers.
Die Jahre der Konsolidierung
Neben der Hoffnung auf Investmentgewinne setzten die Institute auf Vorteile durch strategische Partnerschaften mit USWettbewerbern. Lange Zeit hatten die Finanzhäuser das internationale Geschäft vernachlässigt. Das Platzen einer riesigen Immobilien- und Aktienpreisblase in Japan zu Beginn der 1990er Jahre hatte sie auf einen harten Konsolidierungskurs gezwungen. Statt im Ausland zu expandieren, konzentrierten sie sich auf den Heimatmarkt und schlossen sich zu immer größeren Gebilden zusammen. Erst 2005 kündigten die Megabanken Mitsubishi Tokyo und UFJ ihre Fusion zur nach Bilanzsumme damals größten Bank der Welt an.
Binnen zwei Jahrzehnten schrumpfte die Zahl der führenden japanischen Bankhäuser von 23 auf acht. Und die nächsten Zusammenschlüsse sind bereits in Planung. Im Frühjahr 2011 könnten nur noch sechs große Institute die Bankenlandschaft dominieren: Die nach Bilanzsumme führende Mitsubishi UFJ Financial Group, die zweitplatzierte Mizuho Financial Group, die Sumitomo Mitsui Financial Group, die kleinere Resona Holdings sowie die in Fusionsverhandlungen befindlichen Aozora/ Shinsei und Sumitomo/Mitsui Trust.
Auch unter Regionalbanken und Genossenschaftsbanken lichtet sich auf diese Weise das Feld. Einzig die gigantische Postbank, deren geplante Privatisierung seit Jahren auf der Stelle tritt, ließ die „Fusionitis“ kalt. Das wichtigste Geschäft der Postbank ist das Verwahren von Spargeldern. Mit Spareinlagen von aktuell rund 177 Bio JPY (1,3 Bio €) ist sie in diesem Bereich mit Abstand führend, auch wenn das Volumen seit Jahren rückläufig ist. Im Kreditgeschäft ist die Postbank aufgrund staatlicher Regulierung nur in eingeschränktem Umfang tätig.
Die vielen Fusionen konnten jedoch eines nicht verhindern: Der Kampf um die Kunden wurde immer härter. Waren vor allem die Unternehmen ihrer Hausbank früher treu ergeben, bröckeln die traditionellen Beziehungen inzwischen. Guter Service und günstige Preise gewinnen bei der Sicherung der Marktposition zunehmend an Gewicht. Gefördert wird diese Entwicklung noch durch den sukzessiven Abbau des Trennbankensystems, der die Grenzen zwischen Geschäftsbanken und Brokern (Investmentbanken) aufweicht.
Noch vor gut zehn Jahren beschränkten sich Japans Banken überwiegend darauf, Spareinlagen zu verwahren und Unternehmenskredite zu vergeben, während die Brokerhäuser Wertpapiere emittierten sowie Privatanlegern Wertpapiere und Investmentfonds verkauften. Inzwischen besitzen Nippons führende Banken alle ihre eigenen Investmentbank-Töchter und dringen immer weiter in das Kerngeschäft der Broker vor. Die nächste Konsolidierungsphase in Japan scheint damit bereits programmiert: Noch mehr Broker dürften unter das Dach von Banken schlüpfen.
Japans Broker unter Handlungsdruck
Wollen die großen Brokerhäuser wie Nomura Holdings und Daiwa Securities ihre Selbstständigkeit behalten, bleibt ihnen nur die Flucht nach vorn – und damit ins Ausland. Neben dem typischen Wertpapieremissionsgeschäft bieten Japans Broker dort Dienstleistungen wie Projektfinanzierung, Fusionsberatung und Firmenrestrukturierung an. Seit viele US-Investmentbanken in finanzielle Schwierigkeiten geraten sind, haben Nomura, aber auch die Broker-Töchter großer Banken wie etwa Mizuho Securities ihre Plätze auf den einschlägigen Ranglisten verbessern können.
Auch wenn die Weltwirtschaft noch lange unter den Auswirkungen der internationalen Finanzkrise leiden dürfte – nur auf ihren eigenen Heimatmarkt zu setzen, kommt für Nippons führende Finanzinstitute nicht infrage. Japans Wirtschaft ist stark vom Export abhängig. Die Deflation ist noch immer nicht endgültig besiegt. Die Bevölkerung schrumpft. Zwar sorgt die steigende Lebenserwartung für eine stärkere Nachfrage nach privater Altersvorsorge, was das Privatkundengeschäft ankurbelt. Doch noch immer schlummert fast die Hälfte des 1.400 Bio JPY (10 Bio €) betragenden Finanzvermögens der Haushalte auf Sparkonten. Das ist mehr Geld, als Japans Unternehmen jemals für Kredite in Anspruch nehmen könnten.
Entsprechend dünn sind die Zinsmargen. Besonders gute Kunden zahlten 2009 bei Mizuho für einjährige Kredite einen Zinssatz von unter 2 %. Der Abstand zwischen Einlagenzins und Kreditzins bewegt sich seit Jahren unter 1,5 %. Das ist einer der Gründe, weshalb die Profitabilität der Banken niedriger ist als in vielen anderen Ländern. Um ihre Profitabilität zu steigern, dürften die Banken ihr gebührenbasiertes Geschäft ausbauen und an ihren Auslandsplänen festhalten. Größere Akquisitionen sind dabei allerdings nicht drin. Denn die internationale Finanzkrise hat Eigenkapital auch bei Japans Finanzinstituten knapp werden lassen.
Verglichen mit vielen westlichen Wettbewerbern sind die Banken des fernöstlichen Inselstaates stark in Aktien investiert. Das macht sie anfällig für Kursschwankungen, was zuletzt im Zuge der Finanzkrise negativ zu Buche schlug. Internationale Ratingagenturen kritisieren, dass die Banken eine niedrige Kernkapitalquote haben. Sollten die internationalen Bilanzierungsstandards verschärft werden, könnte Hybridkapital, das einen Großteil ihres Kernkapitals ausmacht, nicht mehr als Eigenkapital anerkannt werden.
Gegen eine solche Regelverschärfung versucht sich Nippons Finanzwirtschaft zu wehren. Denn insgesamt, so das Argument, seien die Investmentrisiken niedrig. Tatsächlich konnten die drei Megabanken Abschreibungen auf verbriefte Produkte und andere risikoträchtige Investments besser wegstecken als viele westliche Wettbewerber. Nach Berechnungen der Ratingagentur Fitch wiesen die sechs größten Bankengruppen des Landes lediglich zwischen Oktober 2008 und März 2009 einen aggregierten Verlust aus – der sich auf über 1.500 Mrd JPY (12 Mrd €) belief. Die schlechteste Figur machte neben Mizuho Financial der Broker Nomura. Mizuho machte im gesamten Geschäftsjahr zum 31. März 2009 einen Reinverlust von 589 Mrd JPY (4,5 Mrd €), bei Nomura waren es 708 Mrd JPY (5,5 Mrd €).
Größte Kapitalerhöhung aller Zeiten
Zeitgleich mit ihrem Protest gegen allzu strikte und weltweit einheitliche Eigenkapitalanforderungen haben die Finanzinstitute jedoch auch Maßnahmen ergriffen. Allein Mitsubishi UFJ sammelte zur Jahreswende gut 1 Bio JPY (7,5 Mrd €) ein. Das war die größte Kapitalerhöhung im japanischen Bankensektor aller Zeiten. Auch Nomura Holdings stockte großzügig auf: Insgesamt 710 Mrd JPY sammelte das Brokerhaus 2009 bei Investoren ein. Dadurch stieg die Zahl der ausstehenden Nomura- Aktien um gut drei Viertel. Sumitomo Mitsui erhöhte ihr Eigenkapital im vergangenen Juni um 860 Mrd JPY und kündigte für Anfang 2010 eine ähnlich hohe Aktienemission an.
Auch Mizuho hat einen großen Kapitalbedarf. Allerdings hat das Institut es besonders schwer, Investoren zu locken. Weil Mizuho bereits 2002 wandelbare Vorzugsaktien im Wert von 940 Mrd JPY (7,2 Mrd €) begeben hatte, von denen ein Großteil noch nicht in Stammaktien getauscht wurde, und 2008 erneut die Hand aufhielt, lassen sich neue Geldgeber nur schwer finden. Gleichzeitig macht die Regierung den Banken Druck, Kleinunternehmen großzügig mit Krediten zu bedienen, wodurch sich die Bilanzen weiter verlängern.
Nach Berechnungen der Ratingagentur Fitch wiesen die drei Branchenführer ohne Einberechnung von Vorzugsaktien und nachrangigen Unternehmensanleihen Ende September 2009 Kernkapitalquoten (Tier 1) zwischen 4,4 % und 6,8 % auf. Bei einer noch strengeren Auslegung und Abzügen weiterer Bestandteile, wie beispielsweise Steuergutschriften oder Goodwill, hätten die Quoten etwa zwei Prozentpunkte niedriger gelegen. Mit den jüngsten Kapitalerhöhungen hat sich das Bild zwar verbessert. Jedoch werden wohl noch weitere Emissionen nötig sein, um ein komfortables Kapitalpolster aufzubauen.
Die gute Nachricht ist: Die Frist dafür scheint länger zu sein als ursprünglich befürchtet. Selbst bei einer Einführung strengerer Richtlinien ab 2012 dürfte es eine Übergangsphase auf die neuen Regeln von mindestens zehn Jahren geben. Diese Erwartung zumindest äußerte Japans Finanzaufsicht (FSA) Ende 2009. An den Aktienmärkten wurde die Nachricht mit Erleichterung aufgenommen. Bankaktien machten kräftige Kurssprünge.
Wird Japans Banken und Brokern tatsächlich eine schonende Übergangsfrist gewährt, dürfte das in Tokio zu einem großen Aufatmen führen. Nicht nur in den Finanzinstituten selbst, sondern auch in Politik und Unternehmen. Denn das Letzte, was Japans Wirtschaft im aktuellen Konjunkturtief gebrauchen kann, sind klamme Banken und eine restriktivere Kreditvergabe.

