Attraktiv für Auslandsbanken?
Mittel- und Osteuropa locken seit Jahren westliche Investoren an. Ein Einstieg in die dortigen Märkte ist mittlerweile jedoch schwieriger geworden, denn in den meisten CE- und SEE-Ländern1 besteht bereits eine starke Präsenz der großen internationalen Player. Doch wie stehen die Chancen in Ländern, die sich lange Zeit nicht im Fokus der westlichen Finanzwirtschaft befanden? Ist beispielsweise Weißrussland attraktiv für Auslandsbanken? | Maxim Makhlis
Nach dem Zusammenbruch der UdSSR gehörte Belarus zu den wenigen Ländern Osteuropas, in denen der Industrie- und der Bankensektor überwiegend im Staatseigentum blieben. Außerdem führten die bisher angespannten politischen Beziehungen zwischen Weißrussland und der EU dazu, dass das Land nicht als investorenfreundlich angesehen wurde. Inzwischen ist jedoch ein Wandel eingetreten. Seit dem vergangenen Jahr streben Regierung und Nationalbank an, internationales Kapital zu mobilisieren. Der Staat stellt zwei Großbanken zum Verkauf und kündigt weitere Reformen an.
Auslandsbeteiligung und neue Privatisierungspolitik
Laut Transition Report 2008 der EBRD betrug in den CE-Ländern der durchschnittliche Anteil ausländischen Kapitals am gesamten Bankenkapital 75,8 %. Die Fremdbeteiligung in SEE war noch höher und belief sich im Mittel auf 86 %. In einigen Ländern wie Estland, Kroatien oder Litauen sind die Bankensektoren sogar zu 90 bis 99 % in ausländischer Hand. In den GUS-Ländern hingegen liegt die Beteiligung ausländischer Investoren im Durchschnitt bei 32 % je Land. In Belarus werden aktuell lediglich 17 % des gesamten Bankenkapitals vom Ausland kontrolliert (7,8 % von Russland). Die Mehrheit der Aktien (80,5 %) gehört immer noch dem Staat.
Da der belarussische Staat den Bankensektor lange Zeit dominierte und lediglich kleinere Banken für Investoren zugänglich waren, schaffte es von den internationalen Finanzgruppen allein die Raiffeisen International sich auf dem Markt zu positionieren. Dem österreichischen Kreditinstitut gehören 77 % des Kapitals einer der größten Banken Weißrusslands – der Priorbank.
Belarus strebt eine engere Zusammenarbeit mit der EU und einen Zufluss europäischen Kapitals an. Als Signal für Investoren gelten die weitgehenden Entstaatlichungspläne: Gemäß Regierungsbeschluss sind innerhalb von drei Jahren 519 belarussische Firmen zu privatisieren, darunter auch Großunternehmen wie das Automobilunternehmen „MAZ“ und das Minsker Motorenwerk.
Der Bankensektor wird ebenfalls stufenweise entstaatlicht. Im September 2008 erhöhte die belarussische Nationalbank die Quote erlaubter ausländischer Beteiligungen am gesamten Bankenkapital des Landes von 25 % auf 50 %. Angesichts des angestrebten WTO-Beitritts soll die Quote in der Zukunft ganz wegfallen. Die Nationalbank plant, bis Ende 2010 den Staatsanteil am Bankensektor um 30 % zu reduzieren.
Zwei Großbanken – die Belinvestbank und die BPS-Bank – dürften schon bald neue ausländische Eigentümer bekommen. Bei diesen Banken verkauft der Staat seine Aktienmajorität. Geplant ist außerdem, bis zu 25 % der Aktien der größten Banken des Landes – der Belarusbank und der Belagroprombank – an ausländische Interessenten zu veräußern. Im Gespräch sind Großbanken aus Italien, Frankreich, Deutschland und Russland.
Die heutige Bankenlandschaft
Der nationale Bankensektor wird durch 31 Banken repräsentiert, von denen sich 20 im ausländischen Mehrheitsbesitz befinden (8 davon zu 100 %). Engagiert sind vor allem Finanzinstitute aus Österreich, Russland, der Schweiz und Kasachstan. Trotz der großen Anzahl auslandseigener Banken betrug Anfang 2009 ihr Anteil an den Gesamtaktiva lediglich 20,5 %, wovon allein 8 % auf die Priorbank entfielen. Der Konzentrationsgrad ist hoch: Fünf Großbanken – die Belarusbank, die Belagroprombank, die BPS-Bank, die Belinvestbank und die Priorbank – halten 85 % der Gesamtaktiva des Bankensystems.
Über diese Institute erfolgt die Geldversorgung der Unternehmen und der kleineren Banken. 73 % aller Einlagen und 76 % aller Kredite entfallen in Belarus auf die fünf Banken, die man auch als „systembildend“ bezeichnet. Die größte unter diesen Banken ist die Belarusbank, deren Anteil an den Gesamtaktiva 41 % beträgt. Sie verwaltet 40 % aller von Unternehmen und privaten Haushalten bei den Banken angelegten Gelder und tritt als wichtigster Kreditgeber für die Wirtschaft auf. In dem jüngsten internationalen Banken- Ranking des britischen Magazins „The Banker“ nehmen die Belagroprombank, die Belarusbank sowie die BPSBank gemessen am Kernkapital die Plätze 321, 452 und 997 ein. Die Belagroprombank wurde außerdem auf dem 9. Platz unter den Top 25 Banken in CEE aufgelistet.
Dynamisches Wachstum
Nach der Phase des Umbruchs in den turbulenten 1990er Jahren gewann die Entwicklung des belarussischen Bankenmarkts an Tempo. 2008 wuchsen die Gesamtaktiva der Banken um 56 % und das Gesamtkapital um 77 %. Die Kredite an Nicht-Banken stiegen um 54 %, die Einlagen um 30 %. Trotz des rapiden Wachstums bleibt das Entwicklungspotenzial des Markts weiterhin hoch: So betragen das Einlagen- und das Kreditvolumen lediglich 20 % bzw. 35 % des BIP.
Auf Grund einer niedrigen Integration des belarussischen Bankensystems in die internationale Finanzwelt verursachte die Finanzkrise keine direkten Verluste bei den weißrussischen Banken. Dennoch sind indirekte Auswirkungen der Krise spürbar. Der gesunkene Zufluss ausländischen Kapitals einerseits und eine erhöhte Nachfrage der Wirtschaft nach Fremdfinanzierung andererseits sorgen für eine Verknappung der Finanzierungsmittel. Als Folge nahmen die Zinssätze für Kredite und Einlagen seit Januar 2008 durchschnittlich um rund sechs Prozentpunkte zu.
Wegen gestiegener Inflationserwartungen kam es im ersten Halbjahr 2009 zu einem massiven Abzug der in der Nationalwährung getätigten Einlagen (-27,5 %). Gleichzeitig stiegen die Einlagen in Fremdwährung um 55 %. Um den Druck auf den belarussischen Rubel zu mindern, untersagte vor kurzem die Nationalbank die Kreditvergabe in Fremdwährung an private Haushalte.
Dem von der Nationalbank durchgeführten Stresstest zufolge ist das nationale Bankensystem in Krisenzeiten neben dem Liquiditätsrisiko auch für das Kreditrisiko sehr anfällig. Ende 2008 betrug der Anteil der Problemaktiva 1,68 %. Inzwischen hat sich das Volumen der ausfallgefährdeten Kredite mehr als verdoppelt. Die Ratingagentur Fitch setzte im Juli 2009 ihre langfristige Prognose für die staatlichen Großbanken von „stabil“ auf „negativ“ herab.
Profitabilität des Bankgeschäfts
Als besonders ertrag- und potenzialreich gilt in Belarus vor allem das Retail Banking, dessen Triebfeder in den letzten Jahren das boomende Kreditgeschäft war. Sehr dynamisch entwickelt sich auch das Kartengeschäft. Seit Juli 2008 stieg zudem die Anzahl der umlaufenden Bankkarten um 19,5 %. Dennoch ist dieses Marktsegment nicht gesättigt: Auf 1.000 Einwohner entfallen derzeit 673 Bankkarten. Besonders niedrig ist dabei die Verbreitung auf dem Land.
Das Jahr 2008 schlossen die belarussische Banken mit gutem Gewinn ab (+21 % zum Vorjahr). Der Return on Equity lag bei 13,1 %. Die Zinserträge erreichten 36 % des Bruttogewinns. Trotz ihres geringen Anteils an den Gesamtaktiva erwirtschafteten die Banken, an denen Ausländer beteiligt sind, 37 % des Gesamtgewinns des Bankensektors, was die mangelnde Effizienz bei den Staatsbanken verdeutlicht.
Belarus als Investitionsziel: pro und contra
Wachsende Geschäftsvolumina, gute Profitabilität und große Nachfrage nach Bankprodukten einerseits sowie hohe Staatsbeteiligung am Bankenkapital, mangelnde finanzielle Ressourcen und niedriger Internationalisierungsgrad andererseits sind die wesentlichen Merkmale des heutigen Finanzmarkts in Belarus. Die oligopolistische Stellung der Staatsbanken begrenzt die Konkurrenz und bremst die Entwicklung des ganzen Bankensystems.
Der Markt bedarf neuer Produkte, Dienstleistungen und Technologien. Viele in Westeuropa verbreitete Finanzdienstleistungen sind für Konsumenten in Belarus immer noch unzugänglich. Geschäftsfelder wie Private und Investment Banking sind kaum entwickelt. Die Lage kann sich nur durch den Markteintritt ausländischer Institute verbessern. Das hat auch die belarussische Regierung erkannt.
Für die Einführung neuer und die Weiterentwicklung bereits existierender Bankprodukte bietet das Land ein gutes Fundament: Der Markt ist überschaubar, es besteht eine gut ausgebaute Infra- und Telekommunikationsstruktur, die Gesellschaft ist konsumfreudig. Vorteilhaft für das Geschäft sind außerdem die günstige geografische Lage auf dem Transitweg zwischen der EU und Russland sowie die nationale Homogenität, die interne Konflikte wie zum Beispiel in Russland oder Georgien ausschließt.
Die Präsenz einer deutschen Bank vor Ort wäre für die derzeit in Belarus ansässigen 360 deutschen Unternehmen von großer Relevanz. Dies wäre auch für die künftige Entwicklung des bilateralen Handels sehr wichtig. Immerhin ist Deutschland einer der wichtigsten westlichen Handelspartner für Belarus (Platz zwei hinter den Niederlanden [2008]).
Der neue politische Kurs in Richtung engere Kooperation mit der EU sowie die wirtschaftliche Liberalisierung und die Privatisierung sollen die Attraktivität des Landes für ausländische Investoren erhöhen und die bisher bestehenden Barrieren auf dem Weg nach Belarus abbauen. Der vorgesehene Verkauf von Staatsanteilen an den Großbanken eröffnet ausländischen Interessenten eine einzigartige Chance zur Erschließung eines potenzialreichen Markts in Osteuropa.
Die Raiffeisen-Bankengruppe bewies bereits, dass Doing Business in Belarus mit gutem Erfolg umsetzbar ist. Dennoch: Wer in Weißrussland ein erfolgreiches Geschäft aufbauen und betreiben will, muss einige ungeschriebene Regeln beachten – nicht zuletzt politische Neutralität wahren und an der Entwicklung des Landes durch Unterstützung bedeutender nationaler Projekte teilnehmen.
Auswärtiges Amt: Länderinformation, Belarus, www.auswaertiges- amt.de.
EBRD: Transition Report 2008: Growth in Transition, London 2008.
IMF: World Economic Outlook Update, vom 08.07.2009, www.imf.org.
National Bank of the Republic of Belarus: Financial Stability in the Republic of Belarus 2008, www.nbrb.by. Standard & Poor’s: Einschätzung der Länderrisiken des Bankensektors: Belarus, vom 24.08.2009, www.standardandpoors.ru.
Statistische Monatsberichte sowie offizielle Pressemitteilungen der Nationalbank von Belarus, www.nbrb.by. Webseiten der belarussischen Geschäftsbanken.
1 CE (Central Europe): CZ, ES, HU, LI, LT, PL, SK, SL; SEE (South Eastern Europe): AL, BH, BG, HR, KO, MC, MO, RO, RS.

